„Er weiß immer, wo ich bin. Ich habe schon meine Passwörter geändert, aber irgendwie bekommt er trotzdem alles mit.“

Die ersten beiden Septemberwochen standen bei uns und unserem Bildungszweig, der epicenter.academy, ganz im Zeichen eines Themas, das uns sehr am Herzen liegt, seit Langem zunimmt und zuletzt immer mehr öffentliche Aufmerksamkeit erhält. Es geht um Partner:innengewalt, Stalking und übergriffiges Verhalten online, kurz um digitale Kontrolle und Gewalt aus dem nahen sozialen Umfeld.

Wir haben deshalb ein Projekt ins Leben gerufen, dass an unsere langjährige Arbeit für digitale Grundrechte und unsere starke Verankerung in der Zivilgesellschaft anknüpft. Aus der Verbindung von technischer Expertise, politischer Arbeit und engem Austausch mit zivilgesellschaftlichen Organisationen ist unsere Workshopreihe zum digitalen Gewaltschutz entstanden. Durchgeführt wurde sie von den Expert:innen der epicenter.academy GmbH, unserem hauseigenen Bildungsinstitut.

Wir haben Fachkräfte dabei unterstützt, digitale Kontrolle zu erkennen und Betroffene bei möglichen Schutzmaßnahmen zu begleiten. Im Mittelpunkt standen Mitarbeiter:innen von Frauenhäusern, Gewaltschutz- und Beratungsstellen. Das Projekt wurde von ProEuropeanValuesAT gefördert und verbindet unseren Einsatz für digitale Grundrechte mit konkreter Unterstützung für die Beratungspraxis.

Kontrolle beginnt im Alltag

Digitale Kontrolle läuft oft über ganz alltägliche Funktionen, etwa eine Standortfreigabe, ein gemeinsam genutztes Konto oder den Zugriff auf persönliche Nachrichten. Im nahen sozialen Umfeld lassen sich Wissen über die andere Person, Zugang zu ihren Geräten und bestehende Vertrauensverhältnisse leicht zur Überwachung nutzen. Diese Möglichkeiten zu erkennen ist ein wichtiger Schritt für wirksamen Schutz.

127 Fachkräfte in fünf Landeshauptstädten

Insgesamt nahmen 127 Fachkräfte aus 76 Einrichtungen an sechs jeweils vierstündigen Workshops teil. Veranstaltet wurde die Reihe in den fünf Landeshauptstädten Wien, Graz, Klagenfurt, Linz und Salzburg. Erreicht haben wir Mitarbeiter:innen aus Frauenhäusern, Gewaltschutzzentren und Beratungsstellen ebenso wie Fachkräfte aus Berufsberatung, Jugendarbeit, Arbeitnehmer:innenvertretung, Medizin, Recht und Verwaltung, dazu Kinderschutz- und Datenschutzbeauftragte. Sie kamen aus ganz Österreich und darüber hinaus, besonders gefreut haben wir uns über eine Teilnehmerin aus Deutschland. Dass die Teilnahme kostenfrei war, ermöglichte die Förderung durch ProEuropeanValuesAT.

Vom E-Learning zum gemeinsamen Lernen

Die Vorbereitung der Workshopreihe war ein wesentlicher Teil der Projektarbeit. Aufbauend auf dem bestehenden E-Learning der epicenter.academy, welches mit Unterstützung der Abteilung Frauenpolitik der AK Niederösterreich und im Austausch mit Frauenhäusern in Niederösterreich entstanden ist, haben wir ein modulares Präsenzformat für Fachkräfte entwickelt.

Wir haben die Inhalte für die Beratungspraxis aufbereitet und durch Fallbeispiele, Übungen und Arbeitsmaterialien ergänzt. Unser Konzept verbindet jetzt technische Grundlagen mit der Frage, wie mögliche Schutzmaßnahmen gemeinsam mit Betroffenen geplant werden können, und zwar unter Berücksichtigung ihrer jeweiligen Situation.

Digitale Selbstverteidigung gegen Überwachung im sozialen Umfeld 

Inhalt der Workshops waren der Schutz vor digitaler Kontrolle und Gewalt. Wie kann ich erkennen, ob jemand Zugriff auf meinen WhatsApp-Account oder meinen Standort hat? Welche Möglichkeiten gibt es, Stalkerware auf dem Gerät zu finden?

Auf die Vermittlung zweier Erkenntnisse haben wir dabei besonderen Wert gelegt:

  • Technische Kompetenzen (etwa das Auslesen von Logfiles) müssen stets vor dem Hintergrund des Schutzes der betroffenen Person gedacht werden. Wird eine Überwachungsmöglichkeit plötzlich unterbrochen, kann die gewaltausübende Person dies bemerken und mit verstärkter Kontrolle oder Gewalt reagieren. Deshalb müssen technische Veränderungen mit der individuellen Gefährdungslage abgestimmt werden. Dazu gehören die Planung sicherer nächster Schritte und gegebenenfalls die Sicherung von Beweisen.
  • Digitale Selbstverteidigung steht an erster Stelle: die Fähigkeit zum Handeln und das Gefühl, nicht hilflos und ausgeliefert zu sein. Unsere Workshopreihe soll Betroffenen Handlungsspielräume eröffnen und Fachkräfte bei ihrer Begleitung unterstützen. Die Verantwortung für die Gewalt liegt aber klar bei den gewaltausübenden Personen.

Rund 90 Prozent trauen sich konkrete nächste Schritte zu

An der von uns durchgeführten Evaluierung beteiligten sich 77 Personen. Rund 90 Prozent gaben an, sich nach unserem Workshop die Entwicklung konkreter nächster Schritte zur Verbesserung der digitalen Sicherheit ihrer Klient:innen eher oder sehr zutrauen. Laut den offenen Rückmeldungen waren die praktischen Übungen am eigenen Smartphone, die Fallbeispiele und der fachliche Austausch am hilfreichsten. Über die Wünsche nach weiteren Übungen und vertiefenden Angeboten freuen wir uns natürlich besonders.

Vernetzung und Weiterentwicklung

Ein besonderer Fokus bei diesem Projekt lag für uns darauf, Möglichkeiten zum Austausch und zur Vernetzung zu schaffen. Wir freuen uns desalb über die in mehreren Bundesländern entstandenen ersten Ideen für Zusammenschlüsse und Kooperationen. 

Auch wir konnten durch den Austausch mit Fachkräften sehr viel mitnehmen. Die Erfahrungen aus der Praxis, und die Einschätzung, welche Themen besonders relevant sind, haben neue Ideen und Inputs für die Weiterentwicklung unserer Inhalte gebracht. So wird der Missbrauch von Smart-Home-Geräten und modernen Autos zur digitalen Kontrolle in der Beratung zunehmend zum Thema. Vernetzte Türklingeln, Kameras, Fahrzeug-Apps, Standortdaten sowie gemeinsam genutzte oder nur von einer Person administrierte Benutzerkonten schaffen neue Möglichkeiten der Kontrolle, die wir künftig noch stärker in unseren Bildungsangeboten aufgreifen werden. Dafür nutzen wir die Kontakte zu den vielen unterschiedlichen Organisationen, um unsere Inhalte auch in Zukunft an den realen Gefahrenmodellen und Bedürfnissen im Gewaltschutz weiterzuentwickeln.

Unser E-Learning bleibt für alle offen!

Zum Nachlesen und Vertiefen stehen die Inhalte auch nach der geförderten Workshopreihe zur Verfügung. Unser frei zugängliches E-Learning bietet Informationen und Schritt-für-Schritt-Anleitungen zu Kontozugriffen, digitaler Ortung, Stalkerware sowie Kameras und Mikrofonen. Es richtet sich an Betroffene, Unterstützende und Fachkräfte und kann zur Vertiefung sowie als ergänzende Ressource in der Beratung genutzt werden.

E-Learning zum Gewaltschutz

Wir danken ProEuropeanValuesAT für die Förderung des Projekts und allen Teilnehmer:innen für ihre Erfahrungen, Fragen und Anregungen.

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